#fragdentexter: Interview mit Drehbuchautor Georg Weber

Ein Gespräch über Schreiben und Entspannung und das Leben an sich

Georg Weber ist Drehbuchautor, Schauspieler und Regisseur. Er hat in vielen Filmen mitgespielt – alles dabei von Comedy über Rosamunde Pilcher bis hin zum Tatort. Seit 2002 schreibt er überwiegend Drehbücher bzw. führt Regie für Film und Fernsehen. Er ist verheiratet mit der Schauspielerin Ulrike Kriener und lebt in München. Im Interview spricht Georg über das Schreiben, wie er sich entspannt und was seine Kreativität lebendig hält.

Textyogi: Georg, wie bist du zum Schreiben gekommen?

Ich habe lange als Schauspieler gearbeitet, aber mit der Zeit festgestellt, dass diese Tätigkeit nicht mehr so viel mit mir zu tun hatte – ich hatte einfach keine Lust mehr. 1984 habe ich dann mein eigenes Stück herausgebracht, das entstanden ist, indem ich mich selbst in der Rolle von vier verschiedenen Personen mit der Videokamera gefilmt habe und Stück für Stück die Passagen dann aufgeschrieben habe. „Bitte leise zum letzten Bild“ wurde ein großer Erfolg und an den Kammerspielen aufgeführt.

Bitte leise zum letzten Bild
Theaterstück „Bitte leise zum letzten Bild“ von Georg Weber, Foto: Georg Weber

In dieser Manier sind noch zwei, drei andere Stücke entstanden – immer habe ich erst gespielt und dann geschrieben. Daraus ergab sich auch mein Quereinstieg beim Bayerischen Rundfunk, für den ich Sketche aus den Stücken entwickelt habe.

2002 habe ich mein erstes Drehbuch geschrieben – „Am Ende des Tunnel“ – ein dunkles Drama mit Ulrike Kriener in der Hauptrolle. Es ist aus der Erfahrung eines Freundes heraus entstanden und geht um das persönliche Drama eines Fahrdienstleiters in München, der einen Selbstmörder überfährt und fast daran zugrunde geht.

Meine eigentliche Stärke sind aber Komödien, viele davon sind mit Ulrike Kriener verfilmt worden. Dabei geht mein Schreiben immer von den Figuren aus, über die ich schreibe. Ich erspiele mir zuerst die Figur am Schreibtisch. Bin also kein Konstrukteur – das Schreiben passiert mir eher. Entsprechend lange brauche ich auch, bis ich etwas niederschreibe. Die Drehbücher gehen mit mir sozusagen durch das ganze Leben.

Feste Routinen müssen beim Schreiben sein – und Themen, die berühren!

Beim Schreiben helfen mir meine festen Routinen: Ich muss zum Beispiel zuerst meinen Schreibtisch aufräumen, bevor ich anfange zu arbeiten. Ohne Routinen geht es nicht. Und es muss ein Thema sein, das mich anrührt, in dem ich mich wiederfinde. Aktuell arbeite ich an einer Familiengeschichte, die in der ehemaligen DDR spielt – und bewege mich auf ganz neuem Terrain. Früher hätte ich damit gehadert, heute erkenne ich das als Chance und bin in Deutschlands Osten gereist, um ihn besser kennen zu lernen.

Wichtig ist, dass es um Themen oder Szenen geht, die ich erlebt habe, die mich emotional berühren. Was mich interessiert, sind z.B. Vater-Sohn-Geschichten oder Vater-Tochter-Geschichten, wo wir mit 60 stehen, wie es nach 30 Jahren in der Ehe aussieht, alte Männer, die in einer WG wohnen, letzte Jahre, Krankheit, Tod – insgesamt durchaus schwere Themen, die ich versuche mit Humor darzustellen.

Textyogi: Drehbuchautoren stehen im Vergleich zu Schauspielern ja weniger im Rampenlicht. Als Schauspieler und Drehbuchautor kennst du beide Seiten. Vermisst du die größere Aufmerksamkeit?

Nein, das ist mir durchaus recht. Ich wollte schon mit Anfang 40 kein Schauspieler mehr sein und war froh, etwas anderes machen zu können. Was mich aber stört, ist, dass Drehbuchautoren gnadenlos schlecht bezahlt werden. Und das, obwohl sie ja viele Arbeitsplätze schaffen! Mit einem Drehbuch bin ich meist zwei Jahre beschäftigt – vom Exposé bis zum Dreh. Ich bin zum Glück auch Regisseur und muss nicht so viel schreiben. Aber junge Autoren können von diesem Beruf definitiv nicht leben, sie brauchen ein Zweiteinkommen.

Textyogi: Wie kommst du auf deine Ideen – gibt es da ein Geheimrezept?

Ein Geheimrezept habe ich nicht, ich bin definitiv kein Teamschreiber. Aber ich habe einen älteren Kollegen, mit dem ich mich regelmäßig bespreche. Zudem bin ich in der glücklichen Lage, meine eigenen Stoffe zu entwickeln, die ich dann den Produzenten vorschlage.

Die Geschichten des Lebens aufschreiben

Im Prinzip spielt mir das Leben meine Ideen zu: Manchmal erzählen mir Freunde Geschichten, die sie gehört haben, oder ich lese eine Zeitungsnotiz, die ich dann mit eigenen Erlebnissen anreichere. Und manche Themen liegen einfach in der Luft – zumindest empfinde ich das so. Da muss man dann schnell sein, sonst schreibt ein anderer darüber. Alzheimer ist z.B. so ein Thema, das lange Zeit in der Luft lag. Oder aktuell der Pflegenotstand. Im Moment beschäftigt mich der Tod meiner Eltern, ein Thema, das in mein jetziges Drehbuch einfließt, in stark abgewandelter Form.

Textyogi: Wie stark sind deine Figuren auch nach Feierabend präsent für dich?

Ich trenne Beruf und Leben nicht – das ist alles eins.

Meine Figuren und Ideen gehen mit mir durchs Leben  – ich träume von ihnen und nehme sie überall mit hin. Das hat durchaus Nachteile: Bei Drehbuchproblemen kann ich nicht schlafen. Und es nervt auch in der Beziehung. Zum Glück kennen wir – Ulrike und ich – uns gut genug und geben uns gegenseitig unsere Freiräume. Ulrike kennt meinen „Grübelzustand“ ganz genau. Im Café kann ich stundenlang schweigend Leute beobachten – ich liebe das, vor allem die Ticks von anderen.

Textyogi: Entspannung ist definitiv ein Movens für Kreativität. Ich weiß, dass du auch Yoga übst und ein besonderes Hobby hast. Erzählst du uns mehr darüber?

Als Schauspieler sind wir ja Körperarbeit gewohnt – Yoga erinnert mich an diese Zeit: Meine Ausbildung habe ich am Max-Reinhardt-Seminar in Wien absolviert – da wurde viel Pantomime gespielt und wir übten uns im Fechten, Tanzen und Ballett. Wir hatten auch einen Körpertrainer, der mit uns vor den Proben trainiert hat.

Yoga habe ich später auf Lanzerote geübt, bei einer charismatischen Lehrerin, die einen sehr genauen Blick auf den Körper hat. Meine Frozen Shoulder habe ich mit ihr in den Griff bekommen – in zwei Einzelsitzungen, die sehr intensiv waren. Das hat mich von der Wirkung restlos überzeugt.

Mein großes Hobby ist aber das Drachenfliegen – hier erfahre ich einen Zustand kompletter Konzentration, ganz ähnlich der Meditation. Dies empfinde ich als extrem entspannende Erfahrung und größtes Glück. Dazu gehört auch die Vor- und Nachbereitung, die immer nach dem gleichen System ablaufen.

Zum Schreiben brauche ich maximale Anspannung

Für mich ist dieser Glückszustand das genaue Gegenteil und der Ausgleich zum Schreiben, das für mich nur in totaler Anspannung funktioniert. Ich kann nur mir Druck schreiben, brauche den Termin im Nacken, damit die Wörter fließen. Ein gutes Beispiel: Als wir umgezogen sind, herrschte in der Wohnung ein Riesenchaos. Und ich mittendrin am Schreibtisch, im totalen Flow und fokussiert auf das Schreiben.

Textyogi: Siehst du einen Zusammenhang zwischen Kick und Kreativität?

Die Herausforderung beim Drachenfliegen ist für mich, mit den Elementen zu kämpfen, man will ja nicht einfach nur fliegen, sondern nimmt sich ein Ziel vor, das man mit Hilfe der Thermik erreichen will. Das zu schaffen, gibt ein tiefes Gefühl von Befriedigung – ähnlich der Befriedigung, wenn ich ein Drehbuch abschicke. Etwas geschaffen zu haben, da sehe ich die Verbindung – also erst im Nachhinein.

Dann gibt es da noch das Gefühl des „Eins werden“ mit dem Drachen: In diesem Zustand muss man nicht mehr überlegen, sondern fliegt intuitiv – es fliegt aus dir heraus. Hier sehe ich die Verbindung zum Yoga, bei dem es nicht um das Ziel, die Asana geht, sondern um das Tun, das Üben, den Weg zur Asana und über sie hinaus.

Textyogi: Hast du mal daran gedacht, ein Buch zu schreiben und falls ja, über welches Thema ginge es?

Ja schon sehr oft, das möchte ich noch machen – wichtig ist, dass es auch interessiert. Sicher wird es über Abschnitte meines Lebens gehen, angereichert mit den Geschichten von Menschen, die ich kennen gelernt habe. Da gibt es z.B. so eine lustige Truppe von Alt-68ern, die in einer WG auf Lanzerote leben. Über die gibt es viel zu erzählen, vielleicht wird daraus ein Buch.

Textyogi: Wo siehst du dich in 20 Jahren?

Wenn es gut läuft, schreibe ich dann noch, bin aber raus aus der Wettbewerbssituation. Wichtig ist es, gesund zu bleiben und zufrieden weiter zu machen. Ich habe keine Riesen-Selbstverwirklichung vor. Eventuell mit Ulrike einen Zweitwohnsitz auf Lanzerote, die Sprache lernen, aber zugleich wollen wir uns noch mehr hier in unserer Nachbarschaft verwurzeln. Die Familie genießen und zusammen Zeit verbringen. Letztes Jahr war ich mit meinen fünf Enkelkindern im Alter zwischen fünf und dreizehn Jahren allein im Urlaub – Leben pur.

 Textyogi: Vielen Dank für das Interview!

Mehr zum Thema Schreiben und Kreativität: mein Blogpost über Schreiben und Kreativitätstechniken

Fotos: Georg Weber

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